Der Jahresbericht 2025 der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) mit dem Stichtag 31.12.2024 zeigt sehr deutlich: Deutschland ist noch immer ein Land der Praxen. Gleichzeitig wird aber ebenso klar, dass die Ressource „Arztpraxis“ kein Selbstläufer ist und dass es in der Versorgung weniger um die reine Anzahl von Sitzen oder Köpfen geht, sondern um die tatsächlich verfügbare Arztzeit. Genau diese Arztzeit wird knapper. Immer mehr junge Medizinerinnen und Mediziner entscheiden sich für Anstellung und/oder Teilzeit – nicht aus mangelnder Motivation, sondern wegen der Rahmenbedingungen. An dieser Stelle wird sich auch die Bundespolitik messen lassen müssen, wenn es darum geht, die inhabergeführte Praxis wieder attraktiver zu machen.
Versorgungskapazität: Die Ausgangslage zum Stichtag
Sieht man zunächst auf die nackten Zahlen, ist Niedersachsen gut aufgestellt. Zum Stichtag 31.12.2024 arbeiteten landesweit 16.992 Vertragsärzte und Vertragspsychotherapeuten. Darunter sind 5.241 Hausärzte, 8.996 Fachärzte sowie 2.755 psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten. Auf die KVN-Mitglieder entfallen 11.183 zugelassene Mitglieder, 4.661 sind angestellt und 1.148 ermächtigt. In der Fläche existieren 8.855 Praxisstandorte in 939 Gemeinden, davon 158 Städte. Rein rechnerisch kommt damit ein Arzt auf rund 500 Einwohner. Zudem ist die wohnortnahe Erreichbarkeit hoch: 97 % der Bevölkerung erreichen den nächstgelegenen Hausarzt in zehn Minuten per Individualverkehr, der Mittelwert liegt bei fünf Minuten. Nur 3 % benötigen elf bis zwanzig Minuten, vor allem in ländlichen Räumen. Diese Kennzahlen sprechen für eine flächendeckende Grundstruktur, die heute noch trägt.

Abbildung 1 Basiszahlen der KVN, Versorgungsbericht 2025

Abbildung 2 Mitgliederstruktur der KVN, Versorgungsbericht 2025
Nicht besetzte Kassensitze steigen
Die Bedarfsplanung liefert zusätzlich eine Momentaufnahme, wo Niederlassungen grundsätzlich möglich sind. Nach den aktuellen Bedarfsplanungszahlen gibt es 448 Niederlassungsmöglichkeiten für Hausärzte, 113 für Fachärzte und 10 für psychologische Psychotherapeuten. Wichtig ist dabei: Bedarfsplanung beschreibt Ressourcen und Zulassungsoptionen, aber sie sagt noch nichts darüber aus, welche Versorgung tatsächlich in welchem Umfang erbracht wird, wie gut Termine verfügbar sind oder wie stark Praxen ausgelastet sind. Genau hier liegt der Kern der aktuellen Entwicklung: Die Versorgung hängt immer weniger an der Zahl der Köpfe und immer stärker an der Frage, wie viele Stunden tatsächlich im System ankommen.

Abbildung 3 Hausärztliche Versorgung, offene Kassensitze 2024, Versorgungsbericht 2025
Der ambulante Bereich stemmt die Masse – und ist gleichzeitig Effizienzanker
Dass der ambulante Sektor für das Gesundheitssystem eine tragende Säule ist, belegen die Leistungs- und Kostenzahlen. In Niedersachsen gibt es pro Jahr rund 58 Millionen Behandlungsfälle in den Praxen, und 97 % aller Behandlungsfälle werden ambulant versorgt. Gleichzeitig sind die Kosten im ambulanten Bereich im Vergleich zur stationären Versorgung ausgesprochen niedrig: Durchschnittlich kostet die ambulante Versorgung in der Praxis 716 Euro pro Patient und Jahr, die stationäre Krankenhausversorgung dagegen 9.465 Euro pro Patient. Dennoch entfallen nur 16 % der Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung auf die ambulante Versorgung. Das ist volkswirtschaftlich und gesundheitspolitisch eine bemerkenswerte Konstellation: Der Bereich, der die Masse der Fälle übernimmt und relativ günstig arbeitet, ist zugleich der Bereich, dessen Kapazität durch Arbeitszeitknappheit und demografische Abgänge am stärksten unter Druck gerät.
Praxisstrukturen: Von der Einzelpraxis zur Kooperation und zur Anstellung
Parallel verändert sich die Struktur der Praxen deutlich. Die Einzelpraxis ist mit rund 50 Prozent der Praxisstandorte weiterhin die dominierende Praxisform. Aber dieser Befund darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Realität hinter der Kategorie „Einzelpraxis“ gewandelt hat. Denn auch in Einzelpraxen arbeiten häufig mehrere Ärzte, wenn ein Inhaber zusätzlich angestellte Ärzte beschäftigt. Insgesamt arbeiten 49 Prozent der Ärzte in Einzelpraxen, 34 Prozent in Berufsausübungsgemeinschaften und 17 Prozent in Medizinischen Versorgungszentren. In den vergangenen Jahren ist die Anzahl der dort praktizierenden Ärzte in allen Praxisformen gestiegen, während die Zahl der Praxen deutlich weniger zunahm; bei Einzelpraxen ist sie sogar gesunken, obwohl die Zahl der dort tätigen Ärzte steigt. Der Grund ist naheliegend: Durch die erweiterten Möglichkeiten zur Anstellung arbeiten heute mehr Ärzte in weniger Praxen. Im Schnitt praktizieren 1,57 Ärzte pro Praxis. In Einzelpraxen sind es 1,18, in MVZ liegt der Wert bei 6,2. Das ist nicht nur eine Statistik, sondern ein strukturelles Signal: Versorgung wird zunehmend in kooperativen, arbeitsteiligen Organisationen erbracht, die Anstellung und flexible Arbeitsmodelle abbilden können.

Abbildung 4 Struktur der Praxislandschaft, Versorgungsbericht 2025
Der Trend zur Anstellung: Die Struktur der Versorgung verschiebt sich
Besonders deutlich wird der Trend zur Anstellung in den Zeitreihen. Während die Zahl der Angestellten zwischen 2010 und 2024 von 1.396 auf 4.661 gestiegen ist, ist die Zahl der Inhaber oder Teilhaber weitgehend konstant geblieben. Der Trend zur Anstellung nimmt seit 2009 stetig zu. Das verändert die Steuerungslogik im System, weil sich Arbeitszeitmodelle, Organisationsanforderungen und Standortentscheidungen verschieben.
Warum mehr Köpfe nicht automatisch mehr Versorgung bedeuten
Der KVN Versorgungsbericht illustriert, dass die Zunahme der Arztzahlen nicht automatisch zu einer Ausweitung des Versorgungsangebotes führt, weil Teilzeittätigkeit sowohl bei Zugelassenen als auch bei Angestellten zunimmt. Im Zeitraum 2013 bis 2024 ist die Anzahl der Vertragsärzte und Vertragspsychotherapeuten um 14,7 % angestiegen, der Tätigkeitsumfang in Vollzeitäquivalenten jedoch insgesamt nur um 5,9 Prozent. Ein prägnantes Bild dafür liefert die Umrechnung: Wurden 2014 noch 111 Ärzte benötigt, um 100 Vollzeitstellen zu besetzen, waren es 2024 bereits 120. Das entspricht einem Mehrbedarf von 8,1 % in zehn Jahren, ohne dass sich die zur Verfügung stehende ärztliche Arbeitszeit erhöht hat. Mit anderen Worten: Die Kopfzahl wächst, aber die Stunden wachsen deutlich langsamer. Inzwischen praktizieren 30,2 % der Vertragsärzte und Vertragspsychotherapeuten in Teilzeit. Der durchschnittliche Versorgungsumfang aller in Niedersachsen arbeitenden Vertragsärzte und Vertragspsychotherapeuten beträgt 2024 nur noch 0,82 Vollzeitäquivalente; 2014 lag er noch bei 0,9. Besonders ausgeprägt ist die Teilzeit bei Angestellten: 53 % arbeiten in Teilzeit, und von den 4.661 angestellten Ärzten sind nur noch 46,6 % in Vollzeit aktiv. 27,6 % sind halbtags tätig, 10,3 % dreivierteltags, und 15,5 % arbeiten bis zu zehn Stunden pro Woche. Auch die Verteilung nach Fachgruppen ist relevant: 71 % der angestellten Ärzte sind Fachärzte, 29 % Hausärzte. Für die Versorgung heißt das praktisch: Selbst wenn Sitze besetzt sind, können Kapazitäten in Sprechstunden, Hausbesuchen und Terminverfügbarkeit deutlich knapper werden, wenn die Arbeitszeit je Kopf sinkt.

Abbildung 5 Tätigkeitsumfang von angestellten Ärztinnen und Ärzten, Versorgungsbericht 2025

Abbildung 6 Arztzahlentwicklung (Veränderung seit 2009; angestellte Ärzte: 293 %; Vertragsärzte: -3,6 %), Versorgungsbericht 2025
Ein weiterer, häufig diskutierter Aspekt ist die Geschlechterverteilung. Zum Stichtag 31.12.2024 waren 48 % der zugelassenen ärztlichen Mitglieder Frauen; bei den Angestellten stellen Frauen mit 53,9 % sogar die Mehrheit. Der Frauenanteil ist seit 2013 deutlich gestiegen. Da inzwischen rund zwei Drittel der Studienanfänger in der Humanmedizin weiblich sind und Frauen bereits heute die Mehrheit der unter 50-jährigen Vertragsärzte und Vertragspsychotherapeuten stellen, ist davon auszugehen, dass die Versorgung künftig noch stärker weiblich geprägt sein wird – auch im haus- und fachärztlichen Bereich. Entscheidend ist dabei nicht das Geschlecht an sich, sondern was es im System statistisch häufig begleitet: eine höhere Nachfrage nach Arbeitsmodellen, die mit Familie, planbaren Zeiten und Teamarbeit besser vereinbar sind. Damit steigt die Bedeutung organisatorischer Strukturen, die solche Modelle ermöglichen.

Abbildung 7 Geschlechterverteilung 2014-2024, Versorgungsbericht 2025
Demografie: Eine absehbare Abgangswelle trifft auf steigenden Bedarf
Das vielleicht größte Risikofeld liegt jedoch in der Altersstruktur. Der demografische Wandel wirkt doppelt: Die Bevölkerung altert und benötigt mehr Versorgung, während zugleich die Ärzteschaft selbst altert. In Niedersachsen sind bereits 35,1 % der Vertragsärzte und Vertragspsychotherapeuten 60 Jahre und älter; nur 8,3 % sind jünger als 40. Das mittlere Alter aller zugelassenen und angestellten Ärzte und Psychotherapeuten liegt bei 54,5 Jahren. Den höchsten Anteil der über 60-Jährigen weist der hausärztliche Versorgungsbereich mit 37,8 % auf. Die KVN verweist zudem auf eine strukturelle Ursache: einen Niederlassungsboom Anfang der Neunzigerjahre, der nun in den kommenden Jahren eine Abgangswelle auslösen wird.

Abbildung 8 Altersstruktur, Versorgungsbericht 2025
Ausblick bis 2035: Hausärzte als Sollbruchstelle, Fachärzte mit regionalem Druck
Aus dieser Altersstruktur leitet die KVN einen altersbedingten Nachbesetzungsbedarf bis 2035 ab. Nicht berücksichtigt werden kann dabei, dass ggf. mehr Ärzte auch im höheren Alter praktizieren. Trotzdem zeigt die Modellierung sehr klar: Für die Hausärzte droht in Teilen Niedersachsens bis 2035 aufgrund der demografischen Entwicklung und des Trends zur Facharztausbildung eine Unterversorgung. Es müssten rund 5.000 Hausärzte im Jahr 2035 tätig sein, um die Bevölkerung zu versorgen, tatsächlich werden es nur rund 3.750 sein. Damit würden rund 1.250 Hausärzte fehlen; jede 6. benötigte Hausarztstelle wäre nicht besetzt. Besonders betroffen wären zahlreiche Regionen, unter anderem Leer-Süd, Papenburg, Meppen, Cloppenburg, Nordenham, Bremerhaven, Bremervörde, Harburg-Nord, Syke, Sulingen, Nienburg, Walsrode, Wittingen, Wolfsburg, Braunschweig-Umland, Seesen, Bad Harzburg und Clausthal-Zellerfeld. Auch bei Fachärzten erwartet die KVN vereinzelt Tendenzen zur drohenden Unterversorgung im ländlichen Raum, gerade bei grundversorgenden Fachgruppen wie Augenärzten, Kinder- und Jugendärzten, Frauenärzten, Hautärzten, HNO-Ärzten und Urologen. Regional sind sinkende Versorgungsgrade und eine weitere Konzentration der verbleibenden Fachärzte auf Mittelzentren zu erwarten, getrieben durch Demografie und die Tendenz zur Bildung fachärztlicher Zentren.

Abbildung 9 Prognose der hausärztlichen Versorgung bis 2035, Versorgungsbericht 2025
Was bedeutet das für die Versorgungspolitik und die Praxis vor Ort?
Was folgt daraus für den Blick in die Zukunft? Erstens ist die heutige Erreichbarkeit kein Garant für die künftige Versorgungskapazität. Wenn 97 % der Bevölkerung heute in zehn Minuten einen Hausarzt erreichen, sagt dies noch nichts darüber aus, ob Termine zeitnah verfügbar sind, ob Praxisöffnungszeiten stabil bleiben oder ob Hausbesuche abgedeckt werden können, wenn die Arztzeit pro Kopf sinkt. Zweitens ist der ambulante Sektor in ökonomischer Hinsicht der Effizienzanker des Systems, weil er den Großteil der Behandlungsfälle übernimmt und im Vergleich zur stationären Versorgung sehr kostengünstig ist. Wenn ambulante Kapazitäten fehlen, verschiebt sich medizinische Inanspruchnahme in die Notaufnahmen und Krankenhäuser – mit deutlich höheren Kosten und meist schlechterer Steuerung. Drittens wird sich Versorgung stärker in Richtung kooperativer Strukturen bewegen müssen, weil Anstellung und Teilzeit nicht als Ausnahme, sondern als Normalform der nächsten Generation im System angekommen sind. MVZ und Berufsausübungsgemeinschaften können diese Arbeitsmodelle abbilden, gleichzeitig entsteht aber das Risiko weiterer Konzentration auf Mittelzentren, wenn die Organisation von Versorgung ausschließlich nach betriebswirtschaftlichen Standortlogiken erfolgt.

Abbildung 10 Wegezeit bis zur nächsten Hausarztpraxis, Versorgungsbericht 2025
Für die Praxis heißt das: Wer die ambulant-ärztliche Versorgung stabil halten will, muss weniger über „Köpfe“ und stärker über „Kapazitäten“ nachdenken. Kapazität entsteht aus Vollzeitäquivalenten, Delegation, Prozessqualität, attraktiven Arbeitsmodellen und aus Organisationsformen, die Nachfolge und Rekrutierung systematisch ermöglichen. Die KVN-Zahlen für Niedersachsen zeigen, dass der Druck nicht erst morgen beginnt, sondern bereits heute strukturell sichtbar ist: Die Teilzeitquote steigt, die durchschnittliche Versorgungsleistung je Mitglied sinkt, und eine große Kohorte nähert sich dem Ruhestand. Wenn man diese drei Faktoren zusammennimmt, ist der Handlungsbedarf weniger eine Frage des Alarmismus als eine Frage der Vorbereitung. Niedersachsen hat heute eine starke Basis – aber die Stabilität der nächsten zehn Jahre wird davon abhängen, wie schnell es gelingt, Arztzeit zu sichern, Strukturen zu modernisieren und die Übergänge der nächsten Abgangswelle planbar zu gestalten.

