Ambulante Versorgung unter Druck: Die Versorgungslage in Baden-Württemberg 2025
Pünktlich zum Jahreswechsel hat die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg in ihrem Versorgungsbericht für das Jahr 2025 die Entwicklungen im vergangenen Jahr im Bereich der ambulanten Versorgung aufgezeigt. In Baden-Württemberg gerät die haus- und fachärztliche Versorgung zunehmend unter erheblichen Druck. Ursachen sind der anhaltende Ärzte- und Fachkräftemangel, der demografische Wandel, eine stetig wachsende Bürokratie sowie die chronische Unterfinanzierung der ambulanten Versorgung. Parallel dazu wandelt sich das ärztliche Berufsbild grundlegend: Die nachrückende Ärztegeneration – unabhängig von Geschlecht – entscheidet sich seltener für die selbständige Einzelpraxis, arbeitet häufiger in Anstellung und oftmals in Teilzeit. Flexible Arbeitszeitmodelle und kooperative Teamstrukturen treten dabei zunehmend an die Stelle des traditionellen Einzelpraxis-Modells.
Die Arztzahlen steigen – dennoch bleiben Termine knapp
Rein statistisch stellt sich die Lage zunächst positiv dar: Die Zahl der ambulant tätigen Ärztinnen und Ärzte ist in den vergangenen zehn Jahren deutlich gestiegen. Während im Jahr 2015 in Baden-Württemberg rund 21.385 Vertragsärztinnen und -ärzte tätig waren, sind es zu Jahresbeginn 2025 bereits 23.990. Für viele Patientinnen und Patienten ist dieser Zuwachs jedoch kaum spürbar. Termine in haus- oder fachärztlichen Praxen sind weiterhin schwer zu erhalten, insbesondere für Neupatientinnen und Neupatienten.
Dieser scheinbare Widerspruch erklärt sich durch die tatsächlich verfügbare Versorgungszeit der Ärztinnen und Ärzte. Trotz steigender Kopfzahlen nimmt die für die Patientenversorgung aufgewendete Zeit ab. Vor etwa zwanzig Jahren arbeiteten die meisten Ärztinnen und Ärzte selbstständig und in Vollzeit. Heute zeigt sich ein deutlich verändertes Bild: Der individuelle Versorgungsbeitrag pro Arzt sinkt, besonders im hausärztlichen Bereich. Dies ist besonders kritisch, da eine flächendeckende hausärztliche Versorgung das tragende Fundament der ambulanten medizinischen Versorgung der Bevölkerung darstellt.

Abbildung 1 Kopfzahlen versus Versorgungsanteile (Hausärzte), Versorgungsbericht 2025, KVBW
Strukturwandel: Von Vollzeit und Selbstständigkeit zu Teilzeit und Anstellung
Vor allem zwei Entwicklungen tragen maßgeblich zum Rückgang der tatsächlichen Versorgungsanteile bei: der zunehmende Trend zur Teilzeittätigkeit sowie der Wunsch nach einer Anstellung anstelle der selbstständigen Niederlassung. Immer mehr junge Ärztinnen und Ärzte scheuen die unternehmerische Verantwortung einer eigenen Praxis. Stattdessen bevorzugen sie ein sicheres Einkommen vor dem Hintergrund steigender wirtschaftlicher Risiken selbstständiger Praxistätigkeit, klar geregelte Arbeitszeiten, verlässliche Planbarkeit sowie eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben.
Zum 1. Januar 2025 nimmt bereits nahezu jedes dritte Mitglied der KVBW als angestellte Ärztin bzw. angestellter Arzt an der vertragsärztlichen Versorgung teil. Damit hat sich der Anteil der Angestellten seit 2017 mehr als vervierfacht – von 7 Prozent auf 29 Prozent. Besonders ausgeprägt ist dieser Trend im fachärztlichen Bereich: Hier liegt der Angestelltenanteil mit 38 Prozent deutlich über dem der Hausärzte und Psychotherapeuten.
Parallel dazu setzt sich der Anstieg des Anteils teilzeitbeschäftigter zugelassener Ärztinnen und Ärzte fort. Seit 2014 hat sich dieser Anteil verdreifacht und liegt im Jahr 2025 bei 24 Prozent. Innerhalb der Arztgruppe der Psychotherapeuten waren bis zum Jahr 2020 Teilzeit- und Vollzeittätigkeit noch annähernd gleich verteilt. Inzwischen arbeiten jedoch rund 70 Prozent der Psychotherapeuten in Teilzeit, während nur noch etwa 30 Prozent in Vollzeit tätig sind.

Abbildung 2 Teil- und Vollzeitquoten, Versorgungsbericht 2025, KVBW
Weniger verfügbare Versorgungszeit führt zu wachsenden Lücken
Die Folgen sind bereits deutlich sichtbar: Die Versorgungslücken nehmen kontinuierlich zu – nicht nur im ländlichen Raum, sondern zunehmend auch in städtischen Regionen. Landesweit fehlen derzeit rund 1.000 hausärztliche Vollzeitstellen (2019: 620). Auch in der fachärztlichen Versorgung verschärfen sich die Engpässe, unter anderem in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, bei Kinderärztinnen und Kinderärzten sowie in der Dermatologie.
Für die Ärztinnen und Ärzte sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, die in Vollzeit tätig sind, führt diese Entwicklung häufig zu einer wachsenden Belastung. Sie müssen immer mehr Patientinnen und Patienten versorgen, um entstehende Lücken zu kompensieren – ein Teufelskreis, der langfristig kaum tragfähig ist. Entsprechend nimmt der Druck zu, ebenso wie die Unzufriedenheit innerhalb der Berufsgruppen.

Abbildung 3 Altersstruktur ausgewählter Fachrichtungen, Versorgungsbericht 2025, KVBW
Abnehmende Bereitschaft zur unternehmerischen Verantwortung
Die ambulante medizinische Versorgung basiert traditionell auf selbstständig geführten Arztpraxen. Diese stellen das Rückgrat der Patientenversorgung dar und sind zugleich wichtige Arbeitgeber für Tausende Medizinische Fachangestellte sowie weitere Fachkräfte. Dennoch sinkt die Bereitschaft junger Ärztinnen und Ärzte, unternehmerische Verantwortung zu übernehmen, spürbar. Dabei werden dringend Nachfolgerinnen und Nachfolger benötigt, die bestehende Praxen weiterführen. Ohne selbstständig geführte Praxen entstehen langfristig auch keine Anstellungsverhältnisse für Kolleginnen und Kollegen.
Bevorstehende Ruhestandswelle
In Baden-Württemberg sind derzeit 2.695 Hausärztinnen und Hausärzte älter als 60 Jahre, was knapp 40 Prozent dieser Arztgruppe entspricht. Davon haben 1.387 bereits das 65. Lebensjahr überschritten und werden in absehbarer Zeit in den Ruhestand treten. Auch in anderen zentralen grundversorgenden Facharztgruppen – darunter Augenärzte, Frauenärzte, hausärztlich tätige Internisten sowie Kinder- und Jugendärzte – liegt der Anteil der über 60-Jährigen bei rund 30 Prozent. In den kommenden Jahren stehen daher zahlreiche Praxen zur Nachfolge an.
Von der Einzelpraxis zu kooperativen Versorgungsstrukturen
Die ambulante Versorgung hat sich in den vergangenen Jahren deutlich gewandelt. Während früher die klassische Einzelpraxis das Versorgungsbild prägte, entstehen heute vermehrt größere Praxiseinheiten und kooperative Organisationsformen. Die Einzelpraxis ohne angestellte Mitarbeitende entwickelt sich zunehmend zum Auslaufmodell: Allein zwischen 2024 und 2025 sind 172 Einzelpraxen und damit rund zwei Prozent weggefallen.
Die Ursachen dieser Entwicklung sind vielfältig. Steigende organisatorische Anforderungen an den Praxisbetrieb sowie der Wunsch nach flexibleren Arbeitsmodellen spielen eine zentrale Rolle. Die jüngere Ärztegeneration strebt nach geringerem unternehmerischem Risiko und weniger Personalverantwortung. In kooperativen Strukturen verteilen sich Aufgaben wie Praxisorganisation, Personalführung und Abrechnung auf mehrere Schultern. Gleichzeitig lassen sich flexible Arbeitszeiten und verlässliche Vertretungsregelungen einfacher realisieren. Durch die gemeinsame Nutzung von Ressourcen – etwa kostenintensiver Medizintechnik, moderner IT-Infrastruktur oder spezialisierter Assistenzkräfte – können Praxisstrukturen zudem wirtschaftlicher und effizienter aufgestellt werden.

Abbildung 4 Entwicklung Praxisformen (alle Fachrichtungen), Versorgungsbericht 2025, KVBW
Fazit
Die Ressource Arztpraxis ist keineswegs selbstverständlich, und auch die verfügbare Arztzeit bleibt ein begrenztes Gut. Zunehmend entscheiden sich junge Medizinerinnen und Mediziner für eine Tätigkeit in Anstellung und/oder Teilzeit sowie für kooperative Arbeitsformen. Soll die flächendeckende, wohnortnahe Versorgung durch Haus- und Fachärztinnen und -ärzte langfristig gesichert werden, kommt es entscheidend darauf an, vor allem im ländlichen Raum attraktive Anstellungsmöglichkeiten für Ärzte zu schaffen.
Kinder- und jugendärztliche Versorgung unter Druck

Abbildung 5 Kinderärztliche Versorgung, Versorgungsbericht 2025, KVBW
Die kinder- und jugendärztliche Versorgung steht ebenfalls vor erheblichen Herausforderungen. Nach wie vor kommt es vor, dass Eltern keinen Kinderarzt finden oder deutlich längere Wege in Kauf nehmen müssen. Frei werdende Kinderarztpraxen lassen sich vielerorts nur schwer nachbesetzen. Erstmals hat der Landesausschuss der Ärzte und Krankenkassen im Juli 2025 mit dem Landkreis Rottweil einen Planungsbereich der Kinder- und Jugendärzte offiziell als unterversorgt eingestuft.
Dabei handelt es sich keineswegs um ein reines Problem des ländlichen Raums. Auch in Ballungsgebieten sind die Wartezimmer der Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte dauerhaft ausgelastet. Diese Situation belastet nicht nur Eltern, sondern auch die Praxisteams. Der tägliche Umgang mit verzweifelten Eltern, denen kein zeitnaher Termin angeboten werden kann, hinterlässt Spuren und führt zu hoher emotionaler Belastung in den Praxen. Die Konsequenzen sind gravierend und reichen über die medizinische Versorgung hinaus. So sind bestimmte kinderärztliche Vorsorgeuntersuchungen Voraussetzung für die Anmeldung in Kindertagesstätten, und regelmäßige Besuche beim Kinder- und Jugendarzt sind häufig Bestandteil von Maßnahmen der Kinder- und Jugendhilfe.
Mehr Ärztinnen und Ärzte – aber weniger verfügbare Arztzeit
Die Ursachen dieser Entwicklung sind vielschichtig. Zwar ist die reine Zahl der Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte in den vergangenen zehn Jahren gestiegen, die tatsächlich verfügbare Arztzeit hingegen nicht. Ausschlaggebend hierfür sind – wie bei den Hausärzten – der zunehmende Anteil angestellter Ärztinnen und Ärzte sowie der Trend zur Teilzeittätigkeit. Die Zahl der Vollzeitstellen wächst deutlich langsamer als die Zahl der tätigen Personen. Hinzu kommt eine zunehmende Spezialisierung innerhalb der Fachgruppe.
Mit rund 1.000 Ärztinnen und Ärzten stellen die Kinder- und Jugendärzte eine vergleichsweise kleine Facharztgruppe dar. Schließt eine Praxis mangels Nachfolge, entsteht unmittelbar eine erhebliche Versorgungslücke. Dies gilt insbesondere dann, wenn der Praxisinhaber zusätzlich angestellte Ärztinnen oder Ärzte beschäftigt hat, die ohne eine übernehmende Praxis ihren Arbeitsplatz verlieren. Hier zeigt sich ein weiterer struktureller Nachteil des rückläufigen Anteils selbstständig tätiger Freiberufler in der ambulanten Versorgung.
Steigender Behandlungsbedarf
Parallel dazu nimmt der Versorgungsbedarf kontinuierlich zu. Die Zahl der Lebendgeborenen ist in den vergangenen Jahren um rund zehn Prozent gestiegen; allein zwischen 2011 und 2016 erhöhte sie sich um mehr als 10.000 auf etwa 107.000 Neugeborene in Baden-Württemberg. Damit wächst auch die Zahl der Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren – und entsprechend der medizinische Behandlungsbedarf.
Im Jahr 2024 wurden mehr als 3,4 Millionen Behandlungen von Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren durchgeführt, darunter allein knapp 80.000 U3-Vorsorgeuntersuchungen. Die Gründe für den ausgewiesenen Mehrbedarf sind vielfältig. Neben steigenden Geburtenzahlen spielen die Ausweitung von Vorsorgeuntersuchungen und Impfprogrammen ebenso eine Rolle wie chronische Erkrankungen und psychosoziale Belastungen.
Hinzu kommt, dass viele Eltern zunehmend Schwierigkeiten haben, den Schweregrad von Erkrankungen ihrer Kinder richtig einzuschätzen. Die Verunsicherung im Umgang mit medizinischen Fragestellungen nimmt zu.
Erschwerend kommt hinzu, dass immer mehr Eltern nur eingeschränkte Deutschkenntnisse haben. Die daraus resultierenden Verständigungsprobleme verlängern die Behandlungszeiten zusätzlich und verschärfen die ohnehin angespannte Versorgungssituation weiter.

Abbildung 6 Anzahl der Kinder unter 18 Jahren in Baden-Württemberg, Versorgungsbericht 2025, KVBW

Abbildung 7 Entwicklung der Fallzahlen im Bereich Pädiatrie, Versorgungsbericht 2025, KVBW
Quelle: Versorgungsbericht 2025, Hrsg. Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg, Stuttgart 2026

