Terminchaos und Zugangsfrust: Was der Digital Health Report 2026 für MVZ bedeutet

Die Diskussion über Digitalisierung im Gesundheitswesen wird oft abstrakt geführt – als Frage von Infrastruktur, Standards, Telematik und politischen Roadmaps. Der Digital Health Report 2026 (YouGov-Studie im Auftrag von Doctolib) stellt das Thema dagegen sehr konkret dar: Er beschreibt Digitalisierung konsequent aus der Perspektive von Patienten sowie von Ärzten und Praxisteams. Befragt wurden 1.000 Patienten sowie mehr als 400 Ärzte und medizinische Fachkräfte.

Unterm Strich liefert der Digital Health Report 2026 eine sehr handfeste Botschaft für MVZ-Betreiber: Digitalisierung ist kein Zukunftsthema, sondern Gegenwartsmanagement. Der Engpass liegt beim Zugang, bei Terminen und bei administrativen Abläufen – und genau dort ist die Bereitschaft zur Nutzung digitaler Lösungen am höchsten. Patienten akzeptieren digitale Services, wenn sie konkret helfen, Hürden zu senken.

Praxisteams wollen Entlastung, und sie suchen sie notfalls bereits außerhalb professioneller Systeme – was zeigt, wie dringend praxistaugliche, sichere und integrierte Lösungen gebraucht werden.

Wer 2026 Wirkung erzielen will, sollte nicht zuerst „große Plattformen“ diskutieren, sondern die alltäglichen Reibungsverluste konsequent reduzieren – mit einem stabilen digitalen Zugang, einer klaren Terminlogik, strukturierten Kommunikationswegen und einer KI-Strategie, die zunächst administrative Entlastung realisiert und Vertrauen systematisch aufbaut. Genau so wird Digitalisierung am Ende nicht technischer, sondern menschlicher – weil sie Zeit zurückgibt, die in der Versorgung an der richtigen Stelle fehlt.

Hohe Bereitschaft – aber Probleme bleiben ungelöst

Im Detail betrachtet, ist das Ergebnis ein nüchternes Lagebild: Die Bereitschaft zur Nutzung digitaler Lösungen ist hoch, gleichzeitig werden die größten Versorgungsprobleme – Zugang, Termine, Bürokratie – bislang noch zu wenig durchgängig und alltagstauglich gelöst.

Auch Grundstimmung unter Patienten ist eindeutig. Sieben von zehn kritisieren, dass die Digitalisierung im Gesundheitswesen zu langsam vorankommt, und nur rund jeder Fünfte ist mit dem aktuellen Stand zufrieden. Gleichzeitig sehen 68 % Deutschland im internationalen Vergleich abgehängt, und 64 % sind überzeugt, dass bei der Digitalisierung zu viel Potenzial ungenutzt bleibt.

Abbildung 1 Digitalisierung geht zu langsam und das Land hängt im Ländervergleich hinterher, Digital Health Report Doctolib 2026

Diese Zahlen sind keine bloßen „Meinungswerte“ ohne Konsequenz. Sie sind ein Frühindikator für Vertrauen und Erwartungshaltung: Patienten vergleichen ihren Gesundheitsalltag mit dem, was sie aus anderen Lebensbereichen kennen – Buchungen, Kommunikation und Transparenz – und registrieren sehr genau, wenn Prozesse unnötig langsam, intransparent oder unzuverlässig sind. Genau hier beginnt für MVZ und Arztpraxen der strategische Teil: Digitalisierung ist nicht primär IT, sondern Zugangs- und Prozessdesign – und damit ein Hebel, der Versorgungskapazität in der Fläche faktisch erweitert, ohne dass zusätzliches Personal „herbeigezaubert“ werden kann.

Wie stark der Zugang bereits heute zum Engpass geworden ist, zeigen die Befunde zur Neupatienten- und Terminsituation. 38 % der Befragten wurden in den letzten 12 Monaten als mögliche Neupatienten von einer Praxis abgelehnt. 

Noch gravierender ist der sogenannte Verzicht-Effekt: 64 % haben schon einmal auf eine Behandlung verzichtet, weil die Praxis- oder Terminsuche zu schwierig war. Der Digital Health Report von Doctolib bewertet dies ausdrücklich als Gesundheitsrisiko, weil administrative Hürden am Ende zu unterlassener Versorgung und zu Präventionsverlust führen können.

Abbildung 2 Termin- und Praxissuche – Wenn Gesundheit zur Geduldsprobe wird, Digital Health Report Doctolib 2026

An diesem Punkt wird „Terminmanagement“ von einer operativen Frage zu einer Versorgungsfrage – gerade in Regionen, in denen die Versorgung ohnehin angespannt ist und analoge Abläufe dominieren.

Praxis finden ist leichter als Termin bekommen

Dabei ist bemerkenswert, wo genau die Hürde liegt. Die Studie trennt zwischen der Suche nach einer passenden Praxis und der Suche nach einem passenden Termin. 46 % empfinden die Praxissuche als einfach, aber nur 35 % die Terminsuche – ein Unterschied von 11 Prozentpunkten.

Das bedeutet: Häufig scheitert es nicht daran, „die richtige Praxis“ zu finden, sondern daran, tatsächlich einen Termin zu bekommen. Dieses Muster ist für MVZ-Betreiber besonders relevant, weil es zeigt, dass viele Versorgungsprobleme im Alltag als Prozess- und Kapazitätssteuerungsproblem sichtbar werden. Wer hier mit Terminlogik, planbarer Erreichbarkeit, digitalen Wartelisten und strukturierten Eingangswegen ansetzt, reduziert nicht nur Frust, sondern verhindert lokale Versorgungslücken.

Doch wollen Patienten überhaupt digitale Lösungen – oder ist das nur ein „Nice-to-have“ für bestimmte Gruppen? Der Report zieht hier ein eindeutiges Fazit: Die Erwartungen sind pragmatisch und alltagsnah. Patienten wünschen sich vor allem kürzere Wartezeiten und eine schnellere Termin- und Praxisfindung. 

Und die Akzeptanz für konkrete digitale Services ist hoch – besonders dort, wo sie unmittelbar Entlastung bringen. „Online-Terminbuchung“ führt mit 70 % Zustimmung, das E-Rezept kommt auf 67 %, und Terminerinnerungen per App oder SMS wünschen sich 65 %.

Abbildung 3 Was Patienten von digitaler Gesundheit erwarten, Digital Health Report Doctolib 2026

Der Digital Health Report betont dabei explizit, dass Terminerinnerungen als „scheinbar einfache Funktion“ No-Shows reduzieren und Abläufe spürbar optimieren können. Ergänzend zeigt die Studie weiteres Potenzial: 61 % würden Patientenanfragen und Formulare gerne digital ausfüllen, und 60 % würden einen Vorsorgeassistenten nutzen, der an Früherkennungs- und Vorsorgetermine erinnert. In Summe eine klare Botschaft: Patienten wollen nicht „mehr Technik“, sondern weniger Reibung – und das möglichst durch Services, die sie aus anderen Kontexten und Lebensbereichen längst gewohnt sind.

Für MVZ und Arztpraxen folgt daraus eine sehr praktische Priorisierung: Wer die „Zugangsschicht“ digital stabilisiert, erzielt schnell Wirkung – für Patienten und für das Team. Dazu gehören Terminbuchung, digitale Wartelisten, strukturierte Vorab-Informationen und klare Kommunikationskanäle. Der Report beschreibt zudem, dass die technologischen und regulatorischen Voraussetzungen für Verbesserungen grundsätzlich vorhanden sind und dass Online-Terminbuchungen, sichere Kooperationstools und KI-Assistenten den Nutzen digitaler Lösungen bereits demonstrieren.

Gleichzeitig verschärfen sich die strukturellen Rahmenbedingungen: Fachkräftemangel, steigende Kosten, administrative Belastung und eine absehbare Pensionierungswelle in Teilen der Versorgung führen dazu, dass zusätzliche Kapazität nicht primär durch „mehr Personal“ entstehen wird, sondern durch intelligentere Prozesse. Genau deshalb ist Digitalisierung in der MVZ-Steuerung nicht als Nebenprojekt zu behandeln, sondern als Kernbestandteil von Betriebs- und Versorgungsstrategie.

KI: Hohe Akzeptanz – aber klare Grenzen zwischen Organisation und Medizin

Besonders interessant ist der Teil des Reports zur Künstlichen Intelligenz. Hier zeigt sich eine doppelte Realität: Auf der einen Seite ist die Akzeptanz bei Patienten erstaunlich hoch, wenn es um organisatorische und administrative Anwendungen geht. 72 % würden KI-Terminassistenten nutzen – der höchste Wert aller abgefragten KI-Anwendungen.

Abbildung 4 KI-Akzeptanz – Klare Grenzen, aber hohe Bereitschaft, Digital Health Report Doctolib 2026

Zudem sind 63 % offen für KI-Unterstützung bei organisatorischen Fragen. Auf der anderen Seite zieht die Studie klare Grenzen: Patienten differenzieren stark zwischen „Organisation“ und „Medizin“. Vertrauen entsteht vor allem dort, wo KI hilft, Hürden abzubauen, ohne in die medizinische Entscheidungshoheit einzugreifen. Genau diese Trennlinie wird auch aus der Leistungserbringer-Perspektive bestätigt: 47 % vertrauen KI bei administrativen Aufgaben, aber nicht bei medizinischen Entscheidungen.

Damit ist das eigentliche Management-Thema bereits umrissen: KI ist kurzfristig vor allem dort sinnvoll zu skalieren, wo sie Bürokratie reduziert, Unterbrechungen am Empfang verringert, Dokumentation unterstützt und Prozesse beschleunigt – also in genau den Bereichen, die Personal binden und dadurch Versorgungskapazität kosten. Der Report von Doctolib skizziert hierfür auch eine Entwicklungslogik bis 2028: erst administrative KI, dann Kommunikation (Patientenanfragen, Aufklärung, Erinnerungen), und erst danach eine unterstützende Medizin-KI. Für Betreiber ist das eine sinnvolle Meilensteinplanung, weil sie Akzeptanz, Risiko und Nutzen in eine realistische Reihenfolge bringt.

Gleichzeitig enthält der Report ein Warnsignal: das Phänomen der „Schatten-KI“. Viele Praxisteams nutzen bereits private KI-Tools, da professionelle, zertifizierte Lösungen noch nicht ausreichend verbreitet sind. 40 % der befragten Ärzte und MFA nutzen private KI-Tools wie ChatGPT für berufliche Recherchen, 22 % für Dokumentation. Ärzte nutzen solche Tools signifikant häufiger als MFA (Recherche 50 % vs. 30 %, Dokumentation 28 % vs. 17 %).

Abbildung 5 Ärzteperspektive: „Shadow AI zeigt – wir brauchen professionelle Lösungen“, Digital Health Report Doctolib 2026

Wenn Teams aus Bedarf heraus auf nicht integrierte, nicht zertifizierte Lösungen ausweichen, entstehen Risiken bei Datenschutz, Qualitätssicherung und Dokumentationshoheit. Es braucht daher professionelle, zertifizierte Lösungen – und es bedarf Vertrauen, Transparenz und Schulung, damit diese Lösungen im Alltag tatsächlich genutzt werden.

Diese Brücke zwischen „Akzeptanz“ und „Bedenken“ ist entscheidend. Die Studie benennt die größten KI-Bedenken sehr klar: Datenschutz und Datensicherheit (57 %), Verlust persönlicher Kontrolle (44 %) und mangelnde technische Kenntnisse im Team (34 %).

Abbildung 6 Bedenken im Umgang mit KI, Digital Health Report Doctolib 2026

Wer digitale Bausteine einführt, ohne Verantwortlichkeiten, Schulung und klare Spielregeln mitzudenken, produziert Widerstand und Parallelwelten. Wer dagegen Prozess und Technik zusammenführt, kann das zentrale Ziel erreichen, das im Report mehrfach hervorgehoben wird: Der menschliche Kontakt soll im Mittelpunkt bleiben – und genau das wird möglich, wenn Technik die Verwaltungsaufgaben übernimmt.

Quelle: Digital Health Report, Doctolib 2026