Die Diskussion um ein Primärarztsystem gewinnt in Deutschland weiter an Bedeutung. Im Kern geht es um die Frage, ob Patienten künftig grundsätzlich zunächst eine hausärztliche Praxis aufsuchen sollen, bevor sie fachärztliche Leistungen in Anspruch nehmen. Die hausärztliche Versorgung würde damit stärker als bisher zur zentralen Steuerungsinstanz im ambulanten System.
Eine aktuelle OECD-Vergleichsstudie, die vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) gefördert wurde, zeigt jedoch: Primärarztsysteme sind international weit verbreitet, ihre Wirkung hängt aber entscheidend von der konkreten Ausgestaltung ab. Weniger direkte Facharztkontakte führen nicht automatisch zu kürzeren Wartezeiten. Eine wirksame Steuerung setzt vielmehr verbindliche Regeln, ausreichende hausärztliche Kapazitäten, passende Vergütungsstrukturen und in vielen Ländern auch finanzielle Anreize für Versicherte voraus.
Was ist ein Primärarztsystem?
Unter einem Primärarztsystem versteht man ein Versorgungsmodell, bei dem Patienten bei gesundheitlichen Beschwerden zunächst eine primärärztliche Stelle aufsuchen. In der Regel ist dies die hausärztliche Praxis. Sie übernimmt die erste medizinische Einschätzung, behandelt geeignete Fälle selbst und koordiniert bei Bedarf die weitere Versorgung. Der Hausarzt wird damit zum ersten Ansprechpartner und zum Lotsen durch das Gesundheitssystem.
Ein zentrales Element vieler Primärarztsysteme ist das sogenannte Gatekeeping. Damit ist gemeint, dass der Zugang zur fachärztlichen Versorgung ganz oder teilweise über eine hausärztliche Überweisung gesteuert wird. Patienten können also nicht in jedem Fall unmittelbar und ohne vorherige Einschätzung einen Facharzt aufsuchen, sofern die Behandlung im öffentlich finanzierten System erstattet werden soll.
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Primärversorgung und Gatekeeping. Primärversorgung beschreibt die medizinische Grundversorgung durch Hausärzte, Kinderärzte oder multiprofessionelle Teams. Gatekeeping ist nur ein mögliches Steuerungsinstrument innerhalb eines solchen Systems. Ein Land kann eine starke Primärversorgung haben, ohne den Facharztzugang strikt zu begrenzen. Umgekehrt garantiert ein formales Gatekeeping noch keine gute Versorgung, wenn die hausärztlichen Praxen überlastet sind oder Facharztkapazitäten fehlen.
Internationale Erfahrung: Weit verbreitet, aber unterschiedlich wirksam
Nach der OECD-Analyse verfügen mehr als drei Viertel der OECD-Länder über irgendeine Form von Gatekeeping. In vielen Ländern ist für fachärztliche Leistungen eine vorherige Überweisung durch einen Hausarzt erforderlich. In anderen Ländern ist der direkte Facharztzugang zwar weiterhin möglich, wird aber durch finanzielle oder organisatorische Anreize weniger attraktiv gemacht.
Die Studie zeigt zugleich, dass die Steuerungswirkung nicht allein aus der formalen Regel entsteht. Entscheidend ist, ob Patienten tatsächlich an einen primärärztlichen Versorgungspfad gebunden sind, ob Ausnahmen bestehen, ob direkte Facharztkontakte privat bezahlt werden können und ob für Praxen sowie Versicherte Anreize bestehen, die vorgesehenen Wege einzuhalten.
In vielen Ländern ist Gatekeeping mit einer Registrierung bei einem Hausarzt verbunden. Patienten wählen oder erhalten eine primärärztliche Praxis, die dann dauerhaft für Koordination, Überweisungen und kontinuierliche Betreuung zuständig ist. Dadurch soll vermieden werden, dass dieselben Beschwerden parallel an mehreren Stellen behandelt werden, Befunde nicht zusammengeführt werden oder unnötige Doppeluntersuchungen entstehen.
Weniger Facharztkontakte bedeuten nicht automatisch kürzere Wartezeiten
Ein zentrales Ergebnis der OECD-Studie lautet: Gatekeeping kann die Zahl fachärztlicher Kontakte reduzieren. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass Facharzttermine schneller verfügbar werden. Wartezeiten hängen vor allem davon ab, wie viele hausärztliche und fachärztliche Kapazitäten tatsächlich vorhanden sind, wie gut Terminwege organisiert werden und wie dringliche Fälle priorisiert werden.
Ein Primärarztsystem kann Patientenströme ordnen. Es schafft aber keine zusätzlichen Arztstunden. Wenn die hausärztlichen Praxen bereits stark ausgelastet sind, kann eine zusätzliche Steuerungsfunktion dort selbst zum Engpass werden. Dann verlagert sich das Wartezeitproblem lediglich von der fachärztlichen auf die hausärztliche Ebene.
Genau dieser Punkt ist für Deutschland besonders relevant. In ländlichen Regionen und Kleinstädten ist die hausärztliche Versorgung vielerorts bereits angespannt. Wenn Hausärzte künftig stärker als zentrale Koordinatoren auftreten sollen, müssen zusätzliche Kontakte, telefonische Rücksprachen, digitale Anfragen, Überweisungsentscheidungen, Befundsteuerung und Terminmanagement organisatorisch bewältigt werden. Ohne Entlastung digitale Prozesse und klare Vergütungsregeln droht aus der gewünschten Steuerung eine zusätzliche Belastung derjenigen Praxen zu werden, die ohnehin die Grundversorgung tragen.
Steuerungswirkung braucht Verbindlichkeit
Die OECD-Studie macht deutlich, dass erfolgreiche Steuerung meist nicht allein über Appelle funktioniert. In vielen Ländern wird Gatekeeping durch positive und negative finanzielle Anreize flankiert. Patienten, die sich an den vorgesehenen Versorgungspfad halten, zahlen weniger oder erhalten eine bessere Erstattung. Wer den Pfad umgeht und direkt fachärztliche Leistungen in Anspruch nimmt, muss unter Umständen höhere Eigenanteile tragen oder die Leistung privat bezahlen.
Dabei zeigt die internationale Evidenz, dass Versicherte stärker auf drohende finanzielle Nachteile reagieren als auf mögliche Vorteile. Ein freiwilliges Modell ohne spürbare Konsequenzen entfaltet daher häufig nur eine begrenzte Steuerungswirkung.
Für die deutsche Debatte ist das politisch heikel. Ein verbindliches Primärarztsystem müsste klären, was mit Patienten geschieht, die weiterhin direkt zum Facharzt möchten. Bleibt der direkte Zugang ohne Konsequenz möglich, ist die Steuerungswirkung begrenzt. Wird er dagegen finanziell sanktioniert, entsteht sofort die Frage nach sozialer Ausgewogenheit, Ausnahmen für chronisch Kranke, Dringlichkeitsfälle, Gynäkologie, Augenheilkunde, Psychotherapie oder bereits etablierte fachärztliche Langzeitbehandlungen.
Vergütung: Vorhaltepauschalen allein reichen nicht
Auch die Vergütung der Praxen ist entscheidend. Die OECD-Analyse verweist auf die Notwendigkeit einer ausbalancierten Kombination aus Vorhaltepauschalen und kontaktabhängigen Komponenten. Vorhaltepauschalen können die kontinuierliche Betreuung eingeschriebener Patienten absichern, unabhängig davon, wie häufig diese tatsächlich in die Praxis kommen. Kontaktabhängige Bestandteile bleiben aber wichtig, damit Praxen erreichbar, reaktionsfähig und patientennah bleiben.
Ein Primärarztsystem verändert den Arbeitsauftrag der hausärztlichen Versorgung. Hausärzte sollen nicht nur behandeln, sondern stärker koordinieren, priorisieren, weiterleiten und steuern. Diese Funktionen müssen in der Vergütung abgebildet werden. Andernfalls entsteht eine zusätzliche Systemaufgabe, ohne dass die dafür notwendige Zeit und Infrastruktur finanziert wird.
Für kommunale MVZ und hausärztliche Versorgungszentren bedeutet dies: Ein Primärarztsystem kann organisatorisch sinnvoll sein, wenn die Praxis über ausreichende Personalstruktur, Terminmanagement, digitale Kommunikationswege und klare interne Prozesse verfügt. In kleinen Einzelpraxen kann dieselbe Steuerungsaufgabe dagegen deutlich schwerer abzubilden sein. Die Reformfrage ist daher nicht nur medizinisch, sondern auch betriebswirtschaftlich und organisatorisch zu betrachten.
Patientenzufriedenheit kann sinken
Ein weiterer Befund der OECD-Studie verdient besondere Beachtung: Systeme mit Gatekeeping gehen tendenziell nicht mit einer besseren Patientenerfahrung einher. Das ist nachvollziehbar. Patienten erleben einen verpflichtenden Erstkontakt beim Hausarzt unter Umständen als zusätzliche Hürde, insbesondere wenn sie bereits wissen oder vermuten, dass sie eine fachärztliche Abklärung benötigen.
Die politische Erwartung, ein Primärarztsystem werde automatisch zu mehr Zufriedenheit führen, ist daher nicht gesichert. Die Zufriedenheit hängt davon ab, ob Patienten tatsächlich schneller zum richtigen Arzt gelangen, ob die hausärztliche Praxis erreichbar ist und ob dringliche fachärztliche Termine zuverlässig vermittelt werden.
Für die Akzeptanz in Deutschland dürfte entscheidend sein, ob das System als Hilfe oder als Zugangsbeschränkung wahrgenommen wird. Wenn Patienten erleben, dass ihr Hausarzt zeitnah erreichbar ist, medizinisch sinnvoll priorisiert und Facharzttermine gezielt organisiert, kann ein Primärarztsystem Vertrauen schaffen. Wenn es dagegen zu zusätzlichen Wartezeiten, unklaren Zuständigkeiten oder bloßer Bürokratie führt, wird es als Einschränkung der freien Arztwahl empfunden.
Primärversorgung ist mehr als Überweisungskontrolle
Die internationale Debatte zeigt auch: Eine starke Primärversorgung darf nicht auf die Rolle eines Türstehers zum Facharzt reduziert werden. Gute Primärversorgung umfasst kontinuierliche Betreuung, Prävention, Chronikersteuerung, Medikationsmanagement, Koordination mit Fachärzten und Krankenhäusern sowie eine verlässliche Begleitung über längere Krankheitsverläufe.
Gerade bei älteren Patienten und Menschen mit mehreren chronischen Erkrankungen kann eine starke hausärztliche Koordination erhebliche Vorteile haben. Sie kann Doppeluntersuchungen vermeiden, Arzneimitteltherapien besser abstimmen und verhindern, dass Patienten zwischen verschiedenen Fachrichtungen hin- und hergeschoben werden. Der Nutzen entsteht also weniger durch die bloße Verhinderung von Facharztkontakten, sondern durch bessere Koordination.
Deutschland hat bereits Vorläufer: Hausarztzentrierte Versorgung
Ein vollständig neues Konzept wäre ein Primärarztsystem in Deutschland nicht. Mit der hausarztzentrierten Versorgung gibt es seit vielen Jahren freiwillige Modelle, in denen sich Versicherte für eine stärkere Koordination durch die hausärztliche Praxis entscheiden. Diese Modelle zeigen, dass Patientensteuerung grundsätzlich möglich ist. Sie zeigen aber auch, dass Verbindlichkeit, Vergütung, Praxisorganisation und digitale Prozesse entscheidend sind.
Der Unterschied zu einem verpflichtenden Primärarztsystem liegt vor allem in der Reichweite. Während die hausarztzentrierte Versorgung auf freiwilliger Einschreibung beruht, würde ein verbindliches Primärarztsystem die Regelversorgung deutlich stärker verändern. Damit würden auch die Anforderungen an Kapazitäten, Terminorganisation, Kommunikation und Ausnahmeregeln erheblich steigen.
Die zentrale Frage: Wer steuert – und mit welchen Ressourcen?
Die OECD-Studie dämpft überhöhte Erwartungen an einfache Lösungen. Ein Primärarztsystem kann fachärztliche Inanspruchnahme reduzieren und die Versorgung stärker ordnen. Es ist aber kein Automatismus zur Verkürzung von Wartezeiten. Ohne ausreichende hausärztliche Kapazitäten, ohne funktionierende fachärztliche Anschlussversorgung und ohne angemessene Anreize kann die gewünschte Steuerungswirkung ausbleiben.
Für Deutschland ergibt sich daraus eine klare Schlussfolgerung: Wer ein Primärarztsystem einführen will, muss nicht nur den Zugang zum Facharzt neu regeln. Er muss zugleich die hausärztliche Versorgung stärken, Praxisteams entlasten, digitale Prozesse verlässlich machen, Vergütungsstrukturen anpassen und politisch klären, wie verbindlich das System tatsächlich sein soll.
Besonders wichtig ist dabei die Versorgung im ländlichen Raum. Dort, wo bereits heute Hausarztpraxen fehlen oder Nachfolger schwer zu finden sind, kann ein Primärarztsystem nur funktionieren, wenn es nicht allein zusätzliche Steuerungsaufgaben verteilt, sondern neue Versorgungsstrukturen ermöglicht: größere Praxiseinheiten, kommunale oder interkommunale MVZ, Delegation an qualifizierte Fachkräfte, digitale Triage und verbindliche Kooperationen zwischen Haus- und Fachärzten.
Fazit
Internationale Evidenz spricht nicht gegen ein Primärarztsystem. Sie spricht aber gegen überzogene Erwartungen. Die bloße Verpflichtung, vor dem Facharzt zunächst den Hausarzt aufzusuchen, löst keine Kapazitätsprobleme. Sie kann Patientenwege ordnen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Sie kann aber auch neue Engpässe schaffen, wenn hausärztliche Praxen ohne zusätzliche Ressourcen zur zentralen Steuerungsinstanz werden.
Ein Primärarztsystem ist daher kein Selbstläufer. Es ist eine tiefgreifende Strukturreform der ambulanten Versorgung. Entscheidend wird sein, ob die Politik bereit ist, die unbequemen Detailfragen zu beantworten: Wie verbindlich soll die Steuerung sein? Welche Ausnahmen gelten? Welche finanziellen Anreize werden gesetzt? Wie werden Praxen vergütet? Und wie wird verhindert, dass ausgerechnet die hausärztliche Versorgung zum Nadelöhr des Systems wird?
Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, lässt sich beurteilen, ob ein Primärarztsystem in Deutschland zu besserer Koordination führt – oder lediglich zu einer neuen Verteilung bestehender Engpässe.
Quelle: Pressemitteilung, Zi vom 16. Juni 2026
Das Zi, das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland, ist ein wissenschaftliches Forschungsinstitut mit Schwerpunkt auf der Analyse und Weiterentwicklung der ambulanten vertragsärztlichen und psychotherapeutischen Versorgung. Im Mittelpunkt seiner Arbeit stehen damit insbesondere die Strukturen, Leistungsdaten und Versorgungsrealitäten niedergelassener Hausärzte, Fachärzte, Psychotherapeuten, Praxen und medizinischer Versorgungszentren.

