Mit Teamarbeit gegen den Ärztemangel: Warum die hausärztliche Versorgung neu organisiertwerden muss

Der Hausärztemangel ist längst kein Zukunftsszenario mehr. Nach Angaben der Bertelsmann Stiftung sind in Deutschland bereits heute mehr als 5.000 Hausarztsitze unbesetzt. Gleichzeitig will einer Befragung zufolge ein Viertel der Hausärzte in den kommenden fünf Jahren die eigene Tätigkeit aufgeben. Diejenigen, die weiterarbeiten möchten, planen im Durchschnitt, ihre Wochenarbeitszeit bis 2030 um zweieinhalb Stunden zu reduzieren.

Der ärztliche Nachwuchs wird diese Entwicklung nur teilweise ausgleichen können. Die Folge: Die Zahl der fehlenden Hausärzte droht sich in den kommenden fünf Jahren zu verdoppeln. Werden die heutigen Versorgungsstrukturen unverändert fortgeschrieben, sind bis 2040 in vielen Regionen gravierende Versorgungsengpässe zu erwarten – besonders in ländlichen und strukturschwachen Gebieten.

Damit stellt sich eine zentrale Frage: Wie kann die vorhandene ärztliche Arbeitszeit besser eingesetzt werden?

Ein wesentlicher Lösungsansatz liegt in einer stärkeren Aufgabenübertragung innerhalb der hausärztlichen Versorgung. Tätigkeiten, die nicht zwingend von einem Arzt persönlich erbracht werden müssen, können stärker an qualifizierte Gesundheitsfachkräfte übertragen werden. Das entlastet Ärzte, erhöht die Versorgungskapazität und ermöglicht eine bessere Organisation der ambulanten Versorgung.

Hausärzte sehen selbst erhebliches Entlastungspotenzial

Der Druck in den Praxen ist bereits heute hoch. Hausärzte behandeln im Durchschnitt rund 50 Patienten pro Tag – in der Praxis und bei Hausbesuchen. Die Hälfte der befragten Hausärzte gibt an, nicht genügend Zeit für ihre Patienten zu haben. Gleichzeitig sagen fast zwei Drittel, dass sie oft oder sehr oft Aufgaben persönlich durchführen, die genauso gut andere Berufsgruppen übernehmen könnten.

Entsprechend deutlich fällt die Bewertung der Aufgabenübertragung aus: 21 Prozent der Hausärzte sehen ein sehr großes Entlastungspotenzial, weitere 51 Prozent ein eher großes Entlastungspotenzial. Zusammen sind das 72 Prozent, die durch eine stärkere Übertragung von Aufgaben an andere Berufsgruppen eine spürbare Entlastung erwarten.

Auch das grundsätzliche Prinzip „Wer kann, der darf“ findet breite Zustimmung. 23 Prozent der befragten Hausärzte stimmen dem voll zu, weitere 51 Prozent eher. Damit befürworten 74 Prozent die Grundidee, dass qualifizierte Fachkräfte Versorgungsaufgaben eigenständig übernehmen dürfen sollten – unabhängig davon, welcher Berufsgruppe sie angehören.

Das ist ein wichtiger Befund: Mehr Aufgabenübertragung ist kein Modell, das gegen die Ärzteschaft durchgesetzt werden müsste. Sie wird von einer deutlichen Mehrheit der Hausärzte selbst gewünscht.


Abbildung 1 Entlastungspotenzial aus Sicht von Hausärzten, Quelle: Spotlight Gesundheit Nr. 2/2026, Bertelsmann Stiftung

Welche Aufgaben übertragen werden können

Die Bertelsmann Stiftung hat elf konkrete Aufgabenbereiche abgefragt. Die Hausärzte sollten angeben, ob sie diese künftig gerne an andere Berufsgruppen übertragen würden – unter der Voraussetzung, dass dies rechtlich geregelt ist und die Fachkräfte entsprechend qualifiziert sind.

Bei fast allen abgefragten Aufgaben wünscht sich die große Mehrheit der Hausärzte zumindest eine teilweise Übertragung. Dazu gehören insbesondere:

Patientenmanagement, Reha- und Berufsunfähigkeitsanträge, Routineuntersuchungen und Tests, Spritzen, Impfungen und Infusionen, Routineaufgaben in der Versorgung chronisch Kranker, routinemäßige Hausbesuche einschließlich Pflegeheimen, Patientenschulung und Beratung, die Verordnung medizinischer Hilfsmittel oder Pflegehilfsmittel sowie die Verordnung von Heilmitteln.

Zurückhaltender sind die Hausärzte nur bei zwei Bereichen: akut angeforderte Hausbesuche und die Anpassung der Dosierung bereits verordneter Medikamente werden mehrheitlich nicht zur Übertragung gewünscht.

Damit ergibt sich ein differenziertes Bild. Es geht nicht darum, ärztliche Verantwortung pauschal zu ersetzen. Es geht darum, Routineaufgaben, strukturierte Abläufe und klar qualifizierbare Tätigkeiten stärker auf mehrere Schultern zu verteilen.


Abbildung 2 Hausärzteschaft und Nachwuchs: In welchem Umfang sie Aufgabenübertragung wünschen, Quelle: Spotlight Gesundheit Nr. 2/2026, Bertelsmann Stiftung

Die Bevölkerung trägt diese Entwicklung mit

Auch die Bevölkerung ist für mehr Aufgabenteilung offener, als häufig angenommen wird. Eine repräsentative Bevölkerungsbefragung mit 1.501 Personen ab 18 Jahren zeigt: Für die meisten Menschen zählt vor allem das Ergebnis der Versorgung.

69 Prozent der Befragten wollen in erster Linie eine schnelle Abklärung ihrer Beschwerden. Ob dies durch einen Arzt oder durch anderes qualifiziertes Praxispersonal erfolgt, ist ihnen dabei nicht entscheidend wichtig.

Noch deutlicher ist der Befund bei der Behandlungsqualität: 80 Prozent wollen vor allem gut behandelt werden. Bei kleineren Beschwerden ist es ihnen nicht wichtig, ob sich ein Arzt oder anderes qualifiziertes Praxispersonal um sie kümmert.

Auch bei konkreten Tätigkeiten ist die Akzeptanz hoch. Die Bevölkerung wäre mehrheitlich damit einverstanden, wenn Routineuntersuchungen und Tests, Spritzen, Impfungen, Infusionen, Routineaufgaben bei chronisch Kranken, Routine-Hausbesuche, Patientenschulung und Beratung sowie Hilfs- und Heilmittelverordnungen von qualifiziertem Praxispersonal übernommen werden.

Wie bei den Hausärzten gibt es auch in der Bevölkerung zwei zurückhaltender bewertete Bereiche: akut angeforderte Hausbesuche und die Anpassung der Dosierung bereits verordneter Medikamente. Das zeigt: Die Bevölkerung ist nicht beliebig offen für jede Aufgabenverschiebung. Sie akzeptiert Aufgabenteilung dort, wo sie nachvollziehbar, qualifiziert und verantwortungsvoll organisiert ist.

Patientenerfahrungen bestätigen die Akzeptanz

Besonders interessant ist der Blick auf Patienten, die bereits konkrete Erfahrungen mit neuen Formen der Aufgabenteilung gemacht haben. Der Health Transformation Hub hat Ende 2025 an zwei Standorten des MVZ Birkenallee in Papenburg Patienten befragt. In die Befragung gingen 1.711 erwachsene Patienten ein, die zwischen dem 15. September und dem 15. Dezember 2025 den Hauptsitz oder die Zweigpraxis Rhede aufgesucht hatten.

Drei Viertel der befragten Patienten gaben an, schon einmal oder mehrmals von einem Physician Assistant beraten oder untersucht worden zu sein. Von diesen Patienten gehen 15 Prozent lieber zu einem Physician Assistant als zu einem Arzt, 18 Prozent lieber zu einem Arzt als zu einem Physician Assistant. Für 16 Prozent spielt es keine Rolle. Für die Hälfte hängt es vom konkreten Anliegen ab.

Das ist ein bemerkenswert nüchterner Befund: Patienten lehnen die Versorgung durch qualifizierte nichtärztliche Fachkräfte nicht grundsätzlich ab. Viele differenzieren nach Anlass. Entscheidend ist, ob die Versorgung passt.

Auch die Zufriedenheit spricht für das Modell. Im MVZ Birkenallee werden unter anderem Ultraschalluntersuchungen, Vorsorgeuntersuchungen, EKG-Besprechungen, Befundkontrollen sowie Spritzen, Impfungen und Infusionen sowohl von Ärzten als auch von Physician Assistants und teilweise von MFA durchgeführt. Dadurch konnte die Zufriedenheit von Patienten verglichen werden, die durch Ärzte behandelt wurden, mit der Zufriedenheit von Patienten, die durch Physician Assistants oder MFA versorgt wurden.

Das Ergebnis: Für die Patientenzufriedenheit macht es bei diesen Leistungen keinen relevanten Unterschied, ob die Versorgung durch Ärzte oder durch qualifiziertes Praxispersonal erfolgt. In einigen Bereichen fiel die Zufriedenheit bei Versorgung durch Physician Assistants und MFA tendenziell sogar leicht höher aus, ohne dass daraus ein belastbarer Unterschied abgeleitet werden sollte.

Der entscheidende Punkt bleibt: Gut organisierte Aufgabenübertragung wird von Patienten angenommen.

Bis zu 65 Prozent ärztlicher Arbeitszeit können entlastet werden

Besonders deutlich wird das Potenzial in der Potenzialanalyse der Bertelsmann Stiftung. Untersucht wurde, was möglich wäre, wenn teamorientierte Versorgung, systematische Delegation und übertragene Verantwortung bundesweit umgesetzt würden.

Das Ergebnis ist erheblich: Aufgaben im Umfang von bis zu 65 Prozent der ärztlichen Arbeitszeit können von anderen Berufsgruppen übernommen werden.

Das bedeutet nicht, dass Ärzte überflüssig werden. Es bedeutet aber, dass ärztliche Arbeitszeit erheblich besser eingesetzt werden kann. Wenn ein großer Teil der heutigen ärztlichen Arbeitszeit für Aufgaben verwendet wird, die auch qualifizierte andere Berufsgruppen übernehmen können, liegt darin ein enormes Versorgungspotenzial.

Die Bertelsmann Stiftung kommt deshalb zu dem Ergebnis, dass der Hausärztemangel durch konsequente Aufgabenteilung und Teamarbeit nicht nur abgemildert, sondern sogar mehr als kompensiert werden könnte.

Der Hausärztemangel ist auch ein Strukturproblem

Die Zahlen zeigen: Der Hausärztemangel ist nicht nur eine Frage fehlender Köpfe. Er ist auch eine Frage falscher oder überholter Arbeitsorganisation.

Wenn ein Arzt durchschnittlich rund 50 Patienten pro Tag behandelt, gleichzeitig die Hälfte der Hausärzte zu wenig Zeit für Patienten hat und fast zwei Drittel regelmäßig Aufgaben übernehmen, die andere ebenfalls erledigen könnten, dann liegt das Problem nicht allein im ärztlichen Nachwuchs. Es liegt auch darin, dass ärztliche Arbeitszeit zu oft für Tätigkeiten gebunden wird, die nicht zwingend ärztliche Kernaufgaben sind.

Daraus folgt eine wichtige Konsequenz für Kommunen, MVZ und regionale Versorger: Die Zukunft der hausärztlichen Versorgung wird nicht allein durch die Suche nach einzelnen Praxisnachfolgern gesichert. Entscheidend ist, welche Versorgungsstruktur aufgebaut wird.

Größere Praxen, Medizinische Versorgungszentren und Praxisnetzwerke sind für eine solche Aufgabenverteilung häufig besser geeignet als klassische Einzelpraxen. Sie können Fachkräfte spezialisieren, digitale Prozesse nutzen, ärztliche Supervision organisieren und Aufgaben verbindlicher verteilen.

Die Hürden bleiben erheblich

Trotz der deutlichen Zustimmung und der positiven Praxisbeispiele ist die Umsetzung anspruchsvoll.

Eine zentrale Hürde sind die rechtlichen Rahmenbedingungen. Der bestehende Delegationsrahmen bietet zwar Orientierung bei Verantwortung, Aufsichtspflichten und Haftungsfragen. Bei weitergehenden Aufgabenübertragungen entstehen jedoch rechtliche Graubereiche, die Praxen verunsichern und die Umsetzung erschweren.

Hinzu kommen organisatorische Anforderungen. Neue Formen der Zusammenarbeit brauchen klare Rollen, abgestimmte Prozesse, digitale Unterstützung, Führung und Qualitätssicherung. In multiprofessionellen Teams verändert sich auch die ärztliche Rolle. Supervision, Prozesssteuerung, Mitarbeiterführung und Qualitätssicherung werden wichtiger.

Ein weiteres Problem ist die Refinanzierung. Tätigkeiten, die bisher von Ärzten erbracht wurden und künftig von Physician Assistants oder anderen qualifizierten Fachkräften übernommen werden, lassen sich in der Regelversorgung oft nicht angemessen abrechnen. Selektivverträge und Förderprojekte setzen zwar punktuelle Anreize, bieten aber keine dauerhafte Planungssicherheit.

Was daraus für die Versorgung folgt

Aus den Zahlen ergibt sich eine klare Richtung: Die Aufgabenübertragung muss konsequent in die Reform der ambulanten Versorgung eingebunden werden.

Erstens braucht es rechtssichere Regelungen für eine erweiterte Aufgabenübertragung. Praxen und MVZ müssen wissen, welche Tätigkeiten von welchen qualifizierten Fachkräften übernommen werden dürfen.

Zweitens sollten moderne Praxisstrukturen gezielt unterstützt werden. Größere Praxen, MVZ und Praxisnetzwerke zeigen bereits heute, wie mehrere Gesundheitsberufe digital unterstützt und gut organisiert zusammenarbeiten können.

Drittens muss die Kultur der Zusammenarbeit weiterentwickelt werden. Teamarbeit ist nicht nur eine Organisationsfrage, sondern auch eine Frage des beruflichen Selbstverständnisses. Ärzte müssen stärker als Entscheider, Supervisoren und Koordinatoren in multiprofessionellen Teams arbeiten können.

Viertens muss das Vergütungssystem stärker auf Teamarbeit ausgerichtet werden. In einer teamorientierten Versorgung sollte nicht allein der berufliche Status der leistungserbringenden Person darüber entscheiden, ob eine Leistung abgerechnet werden kann.

Fazit: Mehr Versorgung durch bessere Arbeitsteilung

Die Daten der Bertelsmann Stiftung zeigen ein klares Bild: Der Bedarf ist groß, die Akzeptanz ist vorhanden und die Praxisbeispiele funktionieren.

Mehr als 5.000 unbesetzte Hausarztsitze, ein drohender weiterer Rückgang ärztlicher Kapazitäten, durchschnittlich 50 Patienten pro Tag, zu wenig Zeit in jeder zweiten Hausarztpraxis und gleichzeitig bis zu 65 Prozent potenziell delegierbare ärztliche Arbeitszeit – diese Zahlen zeigen, dass die hausärztliche Versorgung neu organisiert werden muss.

Teamarbeit, Delegation und qualifizierte Gesundheitsfachkräfte sind kein Nebenthema. Sie gehören ins Zentrum der künftigen ambulanten Versorgung.

Für Kommunen und MVZ bedeutet das: Wer die hausärztliche Versorgung langfristig sichern will, sollte nicht nur nach Ärzten suchen. Er sollte Versorgungsstrukturen aufbauen, in denen Ärzte, Physician Assistants, MFA und weitere Fachkräfte sinnvoll zusammenarbeiten.

Nicht jede Aufgabe in der Hausarztpraxis muss vom Arzt persönlich erledigt werden. Aber jede Aufgabe muss von der richtigen Person, mit der richtigen Qualifikation und in einer gut organisierten Struktur erbracht werden.

Genau darin liegt einer der wichtigsten Schlüssel gegen den Hausärztemangel.

Quelle: Bertelsmann Stiftung, Teamarbeit gegen den Ärztemangel – Aufgabenteilung aus Sicht der Hausärzte, der Bevölkerung und der Patienten, Spotlight Gesundheit Nr. 2/2026, Autoren: Anastasia Hamburg, Dr. Christian Schilcher, Dr. Johannes Leinert.